Track: Visual FoxPro und Linux

Dieser Track besteht aus vier Vorträgen an einem Tag in Folge. Ursprünglich sollte dieser Track von Whil Hentzen, dem allseits bekannten Verleger, Buchautor und Konferenzredner, gehalten werden. Leider hinderte ihn eine Krankheit daran, an dieser Konferenz teilzunehmen. Rainer erfuhr diese schlechte Nachricht erst am vorherigen Freitagmorgen. Es war definitiv zu spät, um einen Ersatz unter den schon eingeladenen Rednern zu finden oder einen Ersatzredner einfliegen zu lassen. Also beschloss er, diese drei Vorträge in einer Reihe mit ein wenig Hilfe von einigen Bekannten selbst zu übernehmen.

Er nahm sich am Wochenende einen Coach und bereitete die Slides und Vorträge selbst vor – das ursprüngliche Material der Vorträge war noch in den USA. Bei der Vorbereitung überlebte Rainer knapp eine endlose Katastrophe von C0000005-Fehlermeldungen, die aufgrund verschiedenster falscher Konfigurationseinstellungen auftraten. Bei der Präsentation half dann Jochen Kirstätter massiv mit technischen Einzelheiten, während Rainer die Slides und die Präsentation erledigte. Gerold Lübben führte wie ursprünglich geplant den Vortrag zu MySQL durch.

Der Track konzentriert sich auf die Frage, wie Visual FoxPro Anwendungen auf Linux mit der Hilfe eines Windows Emulators wie Wine (http://www.winehq.com/) laufen. Immer mehr Menschen benutzen Linux in der Produktion (nicht nur ausschließlich im Serverbereich) und immer öfter verlangen die Jobanforderungen von einem Entwickler, eine Anwendung auch in einer Linux-Umgebung ausführen zu können. Wenn man an solchen Projekten mitarbeiten möchte, muss man mit dem Open Source Betriebssystem Linux und dem Datenbanksystem MySQL vertraut sein.

Warum sollte man nicht einen Blick auf dieses Geschäft mit und um Linux werfen, wenn wir die Märkte in 2004 abschätzen? Es ist kein Geheimnis, dass sich der Markt für VFP auf Windows langsamer entwickelt. Um sein Geschäft zu erweitern, mag es ratsam sein, eine fundierte Schätzung zu erhalten, welche Chancen die Märkte außerhalb des Visual FoxPro plus Windows Bereiches bieten. Es gibt zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten.

Die letzen zwei Jahre haben wir uns auf Bestandteile wie Visual Studio, SQL Server, Automation, .NET, Handhelds und das Internet konzentriert. Es ist an der Zeit, eine andere Fähigkeit zu der ständig wachsenden Liste hinzuzufügen: Linux. Denn in jedem Bereich der Computerindustrie wächst der Einsatz von Linux.

Auf dem Servermarkt ist Linux mit Apache Webservern ein Wettbewerber geworden, der in den letzten Jahren die höchsten Marktzuwächse gehabt hat. Neue Distributionen von Linux wie Red Hat 8.0 versuchen in 2003 dies für den Bereich Desktops zu wiederholen. Die Stadt München zum Beispiel will diesen Sommer von Windows zu Linux wechseln (Anm. der Redaktion: auch wenn an der Entscheidungsvorbereitung beteiligte Konferenzteilnehmer da ihre eigene Meinung dazu hatten). Übrigens wird München viele Jahre lang von Sozialdemokraten regiert. Also könnte man das Geschehen in München auch mit den Worten: Linux setzt Red Hats auf Red Heads (Rote Hüte auf rote Köpfe’) beschreiben.

Linux ist herangewachsen. Ursprünglich war es ein Lieblingsspielzeug für Studenten in ihrem Sandkasten. Jahrhunderte lang schimpften die Studenten gegen das Establishment. Das Establishment’ der 90iger Jahre des letzten Jahrhunderts, über das man schimpfen konnte, entwickelte sich zu einer großen Softwarefirma (wie war doch der Name...?).

Als diese Studenten älter wurden und ihre eigene Berufskarriere in der Industrie starteten, wurden sie selber Mitglieder des Establishments. Quasi als Ausgleich (und vielleicht in Erinnerung an glücklichere Jugendtage....) behielten sie alte Gewohnheiten bei, beispielsweise gegen diese eine Softwarefirma zu sein (verflixt noch 'mal: wie hieß die denn bloß?) zu sein und Linux die Treue zu halten.

Eine andere Geschichte ist, wie Linux selbst Teil des Establishments wurde: IBM entdeckte, dass Linux ein geeignetes Vehikel ist, um IBM-Hardware zu verkaufen. Außerdem spart IBM beim Einsatz von Linux erhebliche Geldbeträge, die IBM ansonsten in die Weiterentwicklung und das Updating seiner eigenen Betriebssysteme wie z.B. AIX, einem Unix Derivat, hätte stecken müssen. Schließlich verpflichtet sich ein Verkäufer von Hardware, die unter einem Open Source Server Betriebssystem läuft, nicht dazu, auch ihre andere Software unter den GNU Lizenzvereinbarungen für frei verfügbare Software (GPL) zu verkaufen. Schließlich gibt es noch einen zusätzlichen Profit, der IBM unverhofft geschenkt wird, ein sog. "Windfallprofit": Es ist wirklich sehr ausgabensparend, Heerscharen von kostenlosen Entwicklern als Zulieferer zu haben.

Anmerkung des Reporters: Die Industrie misstraut offensichtlich den Koordinationsstellen und Qualitätsstandards von Open Source’ / GNU’. Im Jahr 2000 gründeten einige Unternehmen (IBM, HP, Computer Associates, Intel und NEC) die OSDL (Open Source Development Labs, http://www.osdl.org/), die ihre Entwicklerzentren in Portland, Oregon, und in Yokohama, Japan, hat. Die OSDL fördert Schlüsselprojekte der Industrie, einschließlich der Bemühungen einiger der Firmenmitglieder, Linux einsatzfähig zu machen für Datenbank- und Kommunikationsanwendung in großen Unternehmen. Die OSDL wird zunehmend als das Zentrum der Linux-Anbieter angesehen. Es hat mittlerweile viele weitere unterstützende Mitglieder aus dem Kreis der Hardwareverkäufer, Serviceanbieter oder Anwendern gewonnen (http://www.osdl.org/about_osdl/members/). Zwar ist der Quellcode weiterhin öffentlich verfügbar (Anm. der Red.: „the source is still open“ = „Die Quelle sprudelt noch“), was aber letztendlich in Linux einfließt, wird von einem professionellen Management entschieden, das geführt wird von Stuart F. Cohen, der in den letzten 22 Jahre im Marketing und Verkauf tätig war, davon 17 Jahre bei IBM (ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt) und 5 Jahre bei Radisys (http://www.osdl.org/newsroom/press_releases/2003/2003_04_21_beaverton.html). Dem Management gehört natürlich auch Linus Thorwaldsen an, sowie „weitere Entwickler“.

Letztlich führt das dazu, dass neuerdings immer mehr der Linux-Lizenzen von kommerziell ausgerichteten Firmen wie Red Hat oder Suse verkauft werden (immerhin braucht man nur eine "Kopiergebühr" statt einer Lizenzgebühr zu bezahlen). Die kränkelnde Firma Novell erwarb übrigens vor kurzem den Distributor Suse.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es in den nächsten Jahren genug Möglichkeiten für Geschäftsanwendungen mit Linux geben wird. Wenn man bei diesem Kampf um zukünftige Marktanteile mitmachen möchte, kann man Vorteile aus Fähigkeiten ziehen, die man bisher als selbstverständlich betrachtete, die aber vielen Linux-Einsteigern noch fehlen. Viele Entwickler sind sich ihrer Fähigkeiten gar nicht bewusst wie Datenbanknormalisierung, Geschäftsanwendungsdesign, Verwendung von Geschäftsobjekten, Objektorientierte Programmierung, Kenntnisse von Entwurfsmustern und UML und vieles weitere. Also sollte man ein Werkzeug in seinen Erste-Hilfe-Koffer für Entwickler tun: Visual FoxPro auf Linux.

Wenn also zukünftig ein Kunde oder Interessent anruft und nach Lösungsvorschlägen für sein Problem fragt, kann man einfach eine Lösung anbieten, die gut zu seinen Erwartungen oder zu der vorhandenen Umgebung passt, auch wenn diese auf dem Betriebssystem Linux basiert und/oder eine auf Linux basierenden Back-End Datenbank beinhaltet. Der Kern der Lösung wird auf dem geliebten Visual FoxPro basieren – aber man sollte Windows und die anderen Goodies drumherum nicht vergessen. Man bleibe vielseitig, sei flexibel und vergrößere sein Geschäft in alle Richtungen. (Und hüte sich vor Ideologen!).

Diese drei Vorträge gaben einen umfassenden Überblick, wo Linux in die heutige Computerlandschaft steht, gesehen aus der Perspektive eines VFP-Entwicklers, wo VFP mit Linux benutzt werden kann und über ein konzeptionelles Vorgehen bezüglich einer möglichen Integration von Linux in die alltägliche Arbeit. Um mit einem Linux BackEnd zu arbeiten, muss man natürlich wissen, wie Linux arbeitet. Der beste Weg besteht aus folgenden zwei Schritten:

Der Track zeigt beide Prozesse: Was man erwarten kann, wenn man eine Linux Workstation einrichtet, wie man sie einrichtet, wie man sie im Windowsnetzwerk verbindet, wie VFP dazu passt, und sogar wie man es dazu benutzen kann, seine Windows Workstation in einigen Fällen zu ersetzen. Er demonstriert, wie man sich mit einem Linux Server verbindet, auf dem ein MySQL oder eine andere Backend-Datenbank läuft, und wie man die VFP-Anwendungen dazu bringt, mit den BackEnd Daten auszutauschen.

Der Track zeigt auch die beiden Positionen, die man einnehmen kann: Rainer mag es überhaupt nicht (die Bad Guy’ Einstellung) und Jochen liebt es (die Good Guy’ Einstellung und typische Linux Techie’ Einstellung, die wir alle lieben). Diese entgegengesetzten Positionen wurden alle drei Vorträge lang durchgehalten und beide Seiten wurden mit Pro und Kontra in Streitgesprächen der Redner dargestellt und live gezeigt (körperliche Auseinandersetzungen waren verboten).

Gerold Luebben zeigt, wie Visual FoxPro und MySQL zusammen arbeiten. MySQL ist eine der bekanntesten Open Source Datenbanken, die für fast alle Plattformen erhältlich ist. Besonders im eBusiness ist MySQL verbreitet und für seine Vorführung und Stabilität bekannt. Natürlich mögen wir Visual FoxPro lieber.... .

Für VFP Entwickler öffnet MySQL den Weg zu Unix und der Unix Welt, in der MySQL oft als BackEnd Datenbank dient. Gerold zeigt, wie man Visual FoxPro mit MySQL verbindet, indem er bestehende Anwendungen als Beispiel benutzt. Damit vergleicht Gerold auch den Level der Performance der VFP Datenbankmaschine mit der von Microsoft SQL Server und von MySQL.

Es lohnt sich, das Geschäftsmodell von MySQL AB (http://www.mysql.com/company/index.html) zu studieren: MySQL AB vergibt dieses Produkt zum Nulltarif unter der GNU General Public License (GPL). Es kann allerdings auch mit einer kostenpflichtigen Lizenz von denjenigen erworben werden, die nicht an die Bedingungen der GPL gebunden sein wollen – und einige wählen diese zweite Option.

Nachgemacht zu werden ist die größte Schmeichelei’ (Mark Twain): Warum also nicht vom Geschäftsmodell von MySQL lernen? Wenn man eine Anwendung anbietet, die ein Open Source Betriebssystem oder eine Open Source Anwendung beinhaltet, dann zwingt man den Kunden, diese Produkte als separate Artikel von einem zu beziehen. Das Angebot beinhaltet Unterstützung während des Setups und der Installation. Ihre Lösung (die natürlich auf Visual FoxPro basiert) wird mit einem separaten Vertrag ausgeliefert – und der ist dann natürlich frei von irgendwelchen GNU-Lizenzbedingungen.